Dankbarkeit ohne Kitsch üben
Ehrliche Dankbarkeit zählt nicht schön, sondern richtet den Blick auf das, was schon da ist, ohne Schweres kleinzureden.
Ehrliche Dankbarkeit zählt nicht schön, sondern richtet den Blick auf das, was schon da ist, ohne Schweres kleinzureden.
Kurz vor elf meldet sich das Telefon mit einer freundlichen Frage: „Wofür warst du heute dankbar?“ Eine App, vor Wochen in einem guten Vorsatz eingerichtet, erinnert pünktlich daran, drei Dinge einzutippen. Der Daumen schwebt über der Tastatur, und statt Wärme steigt ein leiser Widerwille auf. Er gilt nicht der Dankbarkeit selbst. Er gilt dem Ton dieser Frage, dem aufgeräumten Versprechen, ein Tag lasse sich sortieren, sobald man nur ordentlich das Schöne zählt.
Das Wort ist in schlechte Gesellschaft geraten. Es steht auf Kissen und Kaffeetassen, es grüßt aus Wandtattoos und aus dem Feed, fast immer vor einem Sonnenuntergang. „Sei doch einfach dankbar“ ist zu dem Satz geworden, mit dem man Menschen abfertigt, deren Sorgen man nicht länger hören will. So verpackt, klingt Dankbarkeit nach einer Technik der Selbstberuhigung, nach einem Mittel, sich besser zu fühlen, ohne dass sich etwas ändern müsste. Wer ein Ohr für falsche Töne hat, hört die Beschwichtigung heraus und legt das goldbedruckte Dankbarkeitstagebuch wieder aus der Hand.
Der Kitsch steckt dabei nicht in der Sache, sondern in dem, was aus ihr gemacht wurde. Dankbarkeit wird zur Pose in dem Moment, in dem sie nichts mehr kosten darf, in dem sie das Schwere im eigenen Leben höflich übergehen muss, um vorzeigbar zu bleiben. Was dann übrig bleibt, ist ein Lächeln ohne Deckung. Und das spürt jeder sofort, am schnellsten man selbst.
Für die überdrehte Variante hat sich ein Begriff eingebürgert: toxische Positivität. Gemeint ist der stille Zwang, stets die gute Seite zu sehen und jedes unbequeme Gefühl möglichst rasch in etwas Konstruktives umzumünzen. Die Psychologin Susan David hat in ihrer Arbeit zur emotionalen Beweglichkeit beschrieben, wie teuer uns das zu stehen kommt. Wer sich verbietet, traurig, wütend oder erschöpft zu sein, wird diese Gefühle nicht los. Er verliert bloß den Zugang zu ihnen und mit ihm die Auskunft, die in ihnen liegt.
Ehrliche Dankbarkeit geht anders vor. Sie besteht nicht darauf, dass alles in Ordnung ist. Sie wendet den Blick dem zu, was wirklich trägt, und lässt daneben stehen, was fehlt. Man kann am Bett eines Sterbenden sitzen und dankbar sein für die Jahre, die es gab. Beides gilt zugleich, und keines löscht das andere aus. Die erzwungene Positivität braucht dagegen ein sauberes Ergebnis. Am Ende soll ein Lächeln stehen, und alles, was diesem Lächeln im Weg liegt, wird weggeschoben.
Die bekannteste Untersuchung stammt von Robert Emmons und Michael McCullough aus dem Jahr 2003. Sie ließen Versuchspersonen über Wochen ein einfaches Tagebuch führen. Eine Gruppe hielt fest, wofür sie dankbar war, eine zweite notierte Ärgernisse, eine dritte neutrale Ereignisse. Die Dankbarkeitsgruppe berichtete anschließend von etwas mehr Wohlbefinden, mehr Zuversicht, in manchen Varianten von besserem Schlaf. Die Wirkung war messbar, aber maßvoll. Keine Verwandlung, eher eine kleine Verschiebung des Blickwinkels.
Die zweite Einsicht ist die interessantere. Sonja Lyubomirsky fand in ihren Studien, dass Dankbarkeitsübungen an Kraft verlieren, sobald man sie zu oft wiederholt. Wer pflichtschuldig jeden Abend fünf Punkte herunterbetet, stumpft ab, die Übung wird Routine und die Routine leer. Einmal in der Woche, mit echter Aufmerksamkeit, wirkte in ihren Daten oft besser als dreimal wöchentlich im Schnelldurchlauf. Das deckt sich mit allem, was man über Gewöhnung weiß: Der Mensch stumpft gegen das Wiederholte ab, auch gegen das Gute. Dankbarkeit üben heißt darum, gegen genau diese Abstumpfung anzugehen. Wer die Belege selbst durchsehen will, findet beim Greater Good Science Center der Universität Berkeley eine seit Jahren gepflegte Übersicht der Forschung.
Wenn eine Übung dem Kitsch entgehen soll, dann eine, die kaum aus etwas besteht. Am Abend, ehe der Kopf schon im nächsten Tag verschwindet, halten Sie einen Augenblick inne und suchen eine einzige Sache, die heute tatsächlich da war. Nicht die größte und nicht die vorzeigbarste, sondern eine, die Sie beim Nachdenken wirklich berührt. Dafür braucht es keinen Apparat, nur einen kleinen Rest Muße am Ende des Tages. Wofür dankbar sein, lautet die Frage dann nicht mehr im Plural und nicht auf Vorrat, sondern ganz konkret für diesen einen Abend.
Damit das Ganze nicht ins bloße Abhaken kippt, hilft ein wenig Genauigkeit:
Im Grunde ist diese Übung nichts anderes als zurückgeholte Aufmerksamkeit am Ende eines Tages, der sie sonst verschluckt hätte. Wer den ganzen Tag zwischen Aufgaben und Bildschirmen hin und her springt, nimmt das Gute kaum wahr, weil er darüber hinweg ist, bevor es ankommt. Der kurze Moment am Abend holt einen Teil davon zurück.
Die Selbstbetrachtungen des römischen Kaisers Marc Aurel beginnen mit einer langen Aufzählung. Seite um Seite hält er fest, was er wem verdankt: dem Großvater die Freundlichkeit, der Mutter die Frömmigkeit und die Bescheidenheit, einem Lehrer die Geduld. Es ist kein heiteres Buch. Marc Aurel schrieb es in Feldlagern, umgeben von Krieg, Seuche und dem Wissen um den eigenen Tod. Gerade das macht seine Dankbarkeit glaubwürdig. Sie wächst nicht auf leichtem Boden, sie wächst mitten in einem beschwerlichen Leben, das trotzdem genau hinschaut.
Wer weiß, dass alles endet, sieht das Vorhandene schärfer. Darin liegt der ehrliche Kern, den der Kitsch verschweigt: Dankbarkeit hängt eng mit der Vergänglichkeit zusammen. Man ist einer Sache dankbar, weil sie nicht selbstverständlich ist und nicht bleibt. Das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit, das Memento mori, macht aus einem gewöhnlichen Abend etwas, das man kein zweites Mal geschenkt bekommt.
Die Dichterin Hilde Domin, die Flucht und Exil überstanden hat, hat dafür ein Bild gefunden, das nichts beschönigt und trotzdem offen bleibt:
Nicht müde werden sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten
Man drängt sich dem Wunder nicht auf. Man hält ihm die Hand hin und wartet, ob es kommt. Genauso verhält sich ehrliche Dankbarkeit zu den guten Dingen. Sie erzwingt nichts. Sie macht sich bereit.
Es gibt Tage und ganze Wegstrecken, auf denen nichts von alledem trägt. In einer Depression findet der Blick keine guten Dinge, so sehr man ihn auch dazu treibt, und der Rat, doch dankbar zu sein, wird zur zusätzlichen Bürde. In tiefer Trauer käme es einer Kränkung des Verlusts gleich, ihn eilig mit Dankbarkeit zu überschreiben. Solche Zustände sind kein Scheitern der Übung. Sie sind Grenzen, die man achten muss. Wenn eine solche Schwere über Wochen bleibt, hilft weniger die nächste Übung als ein Gespräch mit der Hausärztin oder einer psychotherapeutischen Praxis; die Stiftung Deutsche Depressionshilfe informiert verlässlich, und die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111 erreichbar.
Die ehrlichste Haltung ist dann, die Praxis ruhen zu lassen. Eine Dankbarkeit, die man gegen sich selbst wendet, ist keine mehr. Finden Sie an einem Abend nichts, dann finden Sie nichts, und auch das darf sein. Vielleicht genügt es, überhaupt bis hierher wach geblieben zu sein. Vielleicht kehrt der Blick später von allein zurück, wenn der Boden wieder hält.
Was von der Übung bleibt, ist unspektakulär. Kein neues Lebensgefühl, keine dauerhafte Leichtigkeit. Eher die Gewohnheit, ab und zu genauer hinzusehen und zu bemerken, was ohnehin schon da ist. Das redet nichts schön. Es hört nur auf, das Gute zu überblättern. Und an manchen Abenden, wenn es still genug ist, ahnt man, dass das mehr ist, als man erwartet hatte.