Warum gute Vorsätze fast immer scheitern
Vorsätze scheitern nicht an fehlender Disziplin, sondern an fehlenden kleinen Systemen und an Zielen, die gar nicht die eigenen sind.
Vorsätze scheitern nicht an fehlender Disziplin, sondern an fehlenden kleinen Systemen und an Zielen, die gar nicht die eigenen sind.
Am zweiten Januar ist die Absicht noch aus Marmor. Sie haben die App installiert, die Erinnerung auf sieben Uhr gestellt, den Kühlschrank ausgemistet. Zwei Wochen später öffnen Sie die Erinnerung nicht mehr, Sie tippen sie nur noch weg, und mit jedem Wegtippen mischt sich in das schlechte Gewissen eine ehrliche Ratlosigkeit. Ich wollte es doch. Warum trage ich es nicht durch?
Die meisten beantworten diese Frage mit einem Urteil über sich selbst. Zu bequem, zu weich, zu wenig Rückgrat. Diese Erklärung ist so verbreitet wie unbrauchbar. Wer genauer hinsieht, findet hinter den gescheiterten Vorsätzen selten einen Charakterfehler. Meist stecken ein paar sehr menschliche Denkfehler dahinter, und manchmal ein Ziel, das nie wirklich zu einem gehört hat.
Ein Vorsatz fühlt sich an wie ein Schnitt. Ein Moment, ein Beschluss, und danach ist man ein anderer Mensch. Um Mitternacht heben wir das Glas und stellen uns die Zukunft vor, in der wir längst laufen, sparen, weniger trinken. Genau hier liegt der erste Irrtum. Veränderung ist kein Ereignis mit Datum, sie ist ein langsames Umbauen im Alltag, das lange nach dem Feuerwerk weitergeht und dort erst richtig anfängt, wo die Feststimmung aufhört.
Die Psychologin Janet Polivy und ihr Kollege Peter Herman haben dafür einen Begriff geprägt, das „false hope syndrome“, das Syndrom der falschen Hoffnung. Wir überschätzen regelmäßig, wie schnell, wie leicht und wie umfassend wir uns ändern können. Je größer der Vorsatz, desto berauschender das Gefühl in der Silvesternacht, und desto härter der Aufprall, sobald der Februar die ersten kleinen Niederlagen bringt. Die Hoffnung war nie das Problem. Ihr Maßstab war es.
Bricht ein Vorsatz zusammen, greifen die meisten zur gleichen Diagnose: zu wenig Disziplin. Also nimmt man sich vor, beim nächsten Anlauf härter zu sein, mehr zu wollen, sich besser zusammenzureißen. Verständlich, und meistens vergeblich.
Der Sozialpsychologe Roy Baumeister hat lange die These vertreten, Willenskraft sei eine begrenzte Ressource, die sich im Lauf des Tages erschöpft wie ein Muskel unter Last. Spätere Untersuchungen haben diese Idee der Ego-Erschöpfung erschüttert, sie ließ sich in großen Wiederholungsstudien nicht zuverlässig bestätigen. Was von der Debatte bleibt, ist eine schlichte Alltagsbeobachtung. Wer sein Vorhaben allein auf Selbstüberwindung baut, baut es auf den unzuverlässigsten Baustoff, den es gibt. Willenskraft ist am Morgen reichlich und am Abend dünn, sie schmilzt unter Müdigkeit, Stress und Hunger. Menschen, die sich dauerhaft ändern, verlassen sich selten auf sie. Sie richten ihren Alltag so ein, dass sie sie möglichst wenig brauchen.
Hier hilft ein Satz des Autors James Clear aus „Atomic Habits“. Sinngemäß: Sie steigen nicht auf die Höhe Ihrer Ziele, Sie fallen auf das Niveau Ihrer Systeme. Ein Ziel gibt die Richtung an, getragen wird man von den kleinen Abläufen, die man kaum noch bemerkt, weil sie einem längst zur zweiten Natur geworden sind.
Der Verhaltensforscher BJ Fogg von der Universität Stanford rät deshalb, eine neue Gewohnheit so klein zu machen, dass sie fast lächerlich wirkt. Nicht dreißig Minuten Meditation, sondern drei ruhige Atemzüge. Nicht das ganze Kapitel, sondern eine einzige Seite. Der Sinn liegt nicht in der Menge, sondern in der Wiederholung. Eine winzige Handlung, die tatsächlich jeden Tag geschieht, verändert auf Dauer mehr als der große Plan, der am dritten Tag liegen bleibt und dort ein schlechtes Gewissen hinterlässt.
Aristoteles wusste das schon, ohne Studien. In der Nikomachischen Ethik beschreibt er die Tugend als eine erworbene Haltung, ein „hexis“, das durch beständiges Üben entsteht. Wir werden gerecht, indem wir gerecht handeln, und mutig, indem wir mutig handeln. Der Charakter ist am Ende die Summe dessen, was wir oft genug getan haben, bis es keine Anstrengung mehr kostet. Man wird nicht erst der Mensch und handelt dann entsprechend. Man handelt, und wird dabei zu dem Menschen.
Wie eine Gewohnheit im Inneren arbeitet, hat der Journalist Charles Duhigg in seinem Buch „The Power of Habit“ anschaulich gemacht. Jede Gewohnheit läuft als kleine Schleife: Ein Auslöser stößt eine Routine an, und am Ende steht eine Belohnung, die dem Gehirn meldet, dass sich diese Schleife zu merken lohnt.
Ein Beispiel aus dem Nachmittag. Die Konzentration lässt nach und die Stunde zieht sich (Auslöser), Sie stehen auf und holen sich etwas Süßes (Routine), für einen Moment fühlen Sie sich wacher und ein wenig getröstet (Belohnung). Die meisten Vorsätze greifen nur die Routine an und übersehen die beiden Enden der Schleife. Wirksamer ist es, den Auslöser zu erkennen und die alte Routine durch eine neue zu ersetzen, die eine ähnliche Belohnung bringt. Dieselbe Nachmittagsflaute lässt sich mit einem kurzen Gang um den Block beantworten, der ebenfalls wach macht und ein wenig tröstet. Der Kreis bleibt, nur sein Inhalt wechselt. Das ist leichter, als eine Gewohnheit ersatzlos aus dem Tag zu reißen und die Lücke mit gutem Willen zu stopfen.
Manche Vorsätze scheitern nicht an der Methode. Sie scheitern, weil sie im Grunde geliehen sind. Sie stammen aus einem Vergleich, aus dem Blick auf andere, aus einer alten Stimme, die sagt, ein wertvoller Mensch müsse schlanker sein, produktiver, ehrgeiziger. Ein solches Ziel setzt man sich mit dem Kopf, aber nichts im Inneren zieht mit. Und was innerlich niemand will, hält kein noch so kluges System zusammen.
Die Psychologen Edward Deci und Richard Ryan haben in ihrer Selbstbestimmungstheorie beschrieben, wie viel davon abhängt, ob ein Antrieb von innen kommt oder von außen aufgesetzt wird. Was wir aus eigener Überzeugung tun, tragen wir lange durch. Was wir tun, um einer Erwartung zu genügen oder einer Scham zu entkommen, verliert bald seine Kraft. Bevor Sie also fragen, wie Sie einen Vorsatz durchhalten, lohnt die unbequemere Frage, ob es überhaupt Ihr Vorsatz ist. Wer ständig auf die Bilder anderer schaut und sich an fremden Maßstäben misst, gibt unmerklich die eigene Aufmerksamkeit an tausend fremde Leben ab. Nicht selten steht hinter dem hartnäckigsten Vorsatz eine größere, unausgesprochene Frage, wie sie in der Sinnkrise um die Lebensmitte an die Oberfläche kommt.
Kein Mensch ändert sich in gerader Linie. Es wird Tage geben, an denen Sie den Vorsatz vergessen, verschlafen oder bewusst brechen. Entscheidend ist nicht, dass diese Tage kommen. Entscheidend ist, was danach geschieht.
Polivy und Herman haben auch den „what-the-hell effect“ beschrieben, jenen kleinen Kippmoment, in dem ein einziger Ausrutscher zur vollen Kapitulation führt. Jetzt ist es sowieso egal. Ein verpasster Lauftag wird zur verpassten Woche, ein Stück Kuchen zum ganzen Blech. Der eigentliche Schaden kommt vom Urteil, das man über den Fehltritt fällt, fast nie vom Fehltritt selbst. Die Forscherin Kristin Neff hat in ihren Arbeiten zum Selbstmitgefühl gezeigt, dass Milde hier weiter trägt als Härte. Wer nach einem Rückfall freundlich mit sich umgeht, kehrt schneller zur Gewohnheit zurück als jemand, der sich beschimpft. Hinter dieser Härte steckt oft die alte Gewohnheit, den eigenen Wert an der Leistung zu messen, und dieser Maßstab macht jeden Fehltritt größer, als er ist. Planen Sie das Straucheln also von vornherein ein, als Teil der Landkarte, auf der auch die Umwege verzeichnet sind. Die brauchbare Frage lautet nicht, wie Sie es perfekt hinbekommen, sondern wie Sie nach einem schlechten Tag am schnellsten wieder anfangen.
Du mußt dein Leben ändern.
So endet Rilkes Gedicht „Archaïscher Torso Apollos“, und der Satz trifft wie ein Schlag. Nur beginnt wirkliche Veränderung selten so groß, wie dieser Satz klingt. Sie beginnt kleiner, als der Stolz es gern hätte, und leiser, als es sich am Silvesterabend anfühlt.
Wenn Sie diese Woche einen Anfang setzen wollen, dann vielleicht so:
Mehr braucht es zunächst nicht. Ein großer Vorsatz beeindruckt für eine Nacht. Eine kleine, ehrliche Gewohnheit, die wirklich zu Ihnen gehört, verändert still ein ganzes Leben. Und wenn Sie in einem Jahr zurückblicken, wird nicht die Silvesterrede zählen, sondern die unscheinbare Sache, die Sie an genug Tagen einfach getan haben, auch an den Tagen, an denen Ihnen nicht danach war.