Selbstwert ohne ständige Leistung
Wenn Ihr Wert allein an Ihrer Leistung hängt, bleibt jeder Erfolg kurz und jede Pause bedrohlich, weil Sie nie genug sein können.
Wenn Ihr Wert allein an Ihrer Leistung hängt, bleibt jeder Erfolg kurz und jede Pause bedrohlich, weil Sie nie genug sein können.
Fragt jemand auf einer Feier, was Sie beruflich machen, dann liegt in der Antwort oft eine kleine Prüfung. Sie legen Ihre Tätigkeit auf den Tisch wie einen Ausweis und lesen im Gesicht des Gegenübers ab, ob sie zählt. Klingt der Titel gewichtig, richten Sie sich innerlich ein Stück auf. Klingt er unscheinbar, schieben Sie rasch eine Erklärung hinterher. Der Vorgang ist harmlos und verräterisch zugleich. Er zeigt, wie fest viele Menschen Selbstwert und Leistung aneinander gebunden haben, wie sehr also der eigene Wert an dem hängt, was sich vorweisen lässt. Solange die Bilanz stimmt, fällt das kaum auf. Der Preis wird erst am ersten schlechten Tag sichtbar, wenn nichts gelingt und der innere Boden mitzurutschen beginnt.
Der Handel wird selten ausgesprochen. Sie versprechen sich selbst, wertvoll zu sein, sobald Sie genug getan haben, und verschieben die Einlösung immer weiter nach hinten. Der Psychologe Carl Rogers nannte die stillen Klauseln, unter denen ein Mensch sich Anerkennung erst zu verdienen glaubt, „Bedingungen des Wertes“. Sie lernen sie früh und beiläufig. Ein gutes Zeugnis bringt Wärme, ein Patzer bringt Kühle, und daraus wächst die Überzeugung, Zuwendung sei eine Gegenleistung. Die Forscherin Jennifer Crocker hat das später als Kontingenzen des Selbstwerts beschrieben, als die Bereiche, an die ein Mensch seinen Wert knüpft. Wer ihn an Leistung knüpft, macht sein Innerstes von etwas abhängig, das er nur zum Teil steuern kann. Konjunktur, Gesundheit und Zufall reden mit. Der Deal wirkt fair, solange Sie auf der Gewinnerseite stehen. Seine Härte zeigt er, sobald die Zahlen einmal nicht mitspielen.
Der Grund ist ernüchternd schlicht. Ein Erfolg, der einen Selbstzweifel beruhigen soll, kann diesen Zweifel nicht auflösen, sondern nur vertagen. Die Anerkennung wird nicht besessen, sie wird geliehen, und die nächste Rate ist bald fällig. Deshalb hält das gute Gefühl nach einem Abschluss oft nur Stunden. Das Lob wird entgegengenommen und im selben Atemzug entwertet, weil eine Stimme im Hintergrund flüstert, das sei ja nur diese eine Sache gewesen. Die Psychologie kennt dahinter die Gewöhnung: Was gestern außergewöhnlich war, ist heute der neue Nullpunkt, von dem aus es wieder aufwärtsgehen muss. So gleicht ein Selbstwert, der auf Erfolg ruht, einem Feuer, das nur brennt, solange man Holz nachlegt. Ruhen die Hände, wird es kalt. Genau darum fühlt sich jede Pause bedrohlich an. Nichtstun ist dann keine Erholung, sondern ein leiser Beweis gegen die eigene Person.
Niemand beschließt eines Morgens, sich fortan über Kennzahlen zu definieren. Sie wachsen hinein. Schon Alfred Adler beschrieb, wie früh sich ein Gefühl der Unterlegenheit bildet und wie der Mensch versucht, es durch Streben und Leistung auszugleichen. In der Schule wird wöchentlich benotet, im Beruf monatlich abgerechnet, und dahinter steht immer dieselbe Botschaft: Wert ist etwas, das man erarbeitet. Der Philosoph Byung-Chul Han hat für unsere Zeit das Bild des Leistungssubjekts geprägt, das keinen äußeren Antreiber mehr braucht, weil es sich selbst antreibt und dabei ausbeutet. Sein Essay Müdigkeitsgesellschaft zeigt, wie aus dem freiwilligen Immer-mehr eine Erschöpfung wird, die sich der Depression gefährlich nähert. Der Leistungsdruck sitzt also längst nicht mehr nur im Kalender oder im Chef, er ist nach innen gewandert und spricht mit der eigenen Stimme. Wer das durchschaut, hat nichts falsch gemacht. Er erkennt nur, an welchem Faden er hängt.
Erich Fromm hat in Haben oder Sein zwei Grundhaltungen unterschieden. In der einen bemisst sich der Mensch an dem, was er vorzeigen kann, an Besitz, Rang und Resultaten. In der anderen ruht er in dem, was er ist, in seiner Fähigkeit zu lieben, wahrzunehmen und lebendig zu sein. Der Leistungs-Selbstwert lebt vollständig im ersten Modus. Er verwechselt den Kontostand mit dem Menschen, der das Konto führt. Dabei liegt auf der Hand, dass ein Mensch mehr ist als die Summe seiner erledigten Aufgaben. Ein Kind ist wertvoll, ehe es irgendetwas leistet, und ein alter Mensch wird nicht wertlos, wenn seine Kräfte schwinden. Dieselbe Selbstverständlichkeit gilt für Sie an einem gewöhnlichen Dienstag, an dem wenig gelingt. Das Sein trägt das Tun, nicht umgekehrt. Nur ist diese Einsicht im Kopf schnell abgenickt und im Bauch schwer zu spüren. Sie ist eher eine Richtung, in die man immer wieder zurückkehrt, als ein Schalter, den man einmal umlegt.
Die eigentliche Falle wartet an dieser Stelle. Wer sich von der Leistung lösen will, macht daraus leicht ein neues Projekt, das er dann besonders erfolgreich absolvieren möchte, und ist damit keinen Schritt weiter. Es geht um etwas Unspektakuläreres, um ein geduldiges tägliches Zurechtrücken. Ein paar Ansätze, die tragen:
Keiner dieser Schritte befreit Sie an einem Nachmittag. Sie ähneln dem Gehen mehr als dem Springen, und sie wirken am ehesten, wenn Sie sie nicht auch noch benoten. Dass gute Vorsätze meist nicht am Willen scheitern, sondern an der Ungeduld, beschreibt der Text darüber, warum Vorsätze scheitern.
Aus alldem den Verzicht auf Anstrengung zu lesen, wäre ein Missverständnis. Ehrgeiz ist eine gute Kraft, solange er von vorn zieht und nicht von hinten peitscht. Die Stoiker haben früh zwischen dem unterschieden, was in unserer Macht steht, und dem, was nicht. Epiktet riet, sich ganz an das eigene Bemühen zu halten und den Ausgang loszulassen, weil er von zu vielem abhängt, von Zeit, Glück und anderen Menschen. Wer sich das zu eigen macht, kann mit ganzer Kraft arbeiten und doch ruhig bleiben, wenn der Applaus ausbleibt. Das ist ein Wert ohne Erfolg im engen Sinn, ein Wert, der an der Hingabe hängt und nicht an ihrer Belohnung.
Rainer Maria Rilke hat einem jungen Dichter, der nach Anerkennung dürstete, einen Satz geschrieben, der weit über die Kunst hinausreicht:
Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand.
Eine Arbeit, die aus innerer Notwendigkeit kommt, aus echtem Interesse oder aus Verantwortung, braucht das Urteil der anderen nicht als Sauerstoff. Sie darf gelingen und darf misslingen, und der Mensch dahinter bleibt derselbe. So lässt sich Selbstwert und Leistung entkoppeln, ohne dass die Leistung darunter leidet. Sie wird sogar leichter, weil nicht mehr die ganze Person auf dem Spiel steht.
Bleibt die ehrliche Ambivalenz. An klaren Tagen trägt diese Haltung, an müden Tagen fallen Sie in den alten Reflex zurück und messen sich doch wieder an der Bilanz. Das ist kein Versagen, sondern der gewöhnliche Gang der Sache. Es hilft, sich weniger an anderen zu messen, worüber der Text über das Aufhören, sich zu vergleichen nachdenkt, und im Beruf nicht nur nach Wirkung zu fragen, sondern nach Bedeutung, wie es der Text über Sinn im Job finden versucht. Am Ende ist der Wert eines Menschen keine Rechnung, die aufgeht. Man kann nur aufhören, sie bei jedem neuen Ergebnis erneut aufzumachen.