Alleinsein oder Einsamkeit: der Unterschied
Einsamkeit ist der Schmerz über fehlende Nähe, Alleinsein dagegen ein Zustand, den Sie lernen können zu genießen statt zu fürchten.
Einsamkeit ist der Schmerz über fehlende Nähe, Alleinsein dagegen ein Zustand, den Sie lernen können zu genießen statt zu fürchten.
Es gibt einen Sonntagabend, den fast jeder kennt. Die Wohnung ist still, das Telefon bleibt dunkel, und vor Ihnen liegen ein paar Stunden, die niemand einfordert. Für den einen ist dieser Abend ein Geschenk, ein Stück Zeit, das ganz ihm gehört. Für den anderen zieht sich in derselben Stille etwas zusammen, ein dumpfer Druck, als wäre man vergessen worden. Dieselbe Wohnung, dieselbe Uhrzeit, dieselbe Abwesenheit von Menschen, und trotzdem zwei völlig verschiedene Zustände. Wer diese beiden auseinanderhalten kann, gewinnt etwas Wichtiges zurück, nämlich die Freiheit, allein zu sein, ohne sich verloren zu fühlen.
Die deutsche Sprache hält für diese beiden Zustände zwei Wörter bereit, und im Alltag verwenden wir sie, als meinten sie dasselbe. Der Theologe Paul Tillich hat die Trennung mit ungewöhnlicher Klarheit benannt, nachzulesen in seinem Buch „The Eternal Now“: Die Sprache habe das Wort Einsamkeit geschaffen, um den Schmerz auszudrücken, allein zu sein, und das Wort Alleinsein, um die Herrlichkeit auszudrücken, allein zu sein. Zwei Namen für dieselbe äußere Lage, weil das Innere zwei sehr verschiedene Wetter kennt.
Einsamkeit ist ein Mangel, den man spürt. Alleinsein ist ein Raum, den man betreten kann. Solange beide unter demselben Wort laufen, behandeln wir sie auch gleich, und das heißt meist: Wir versuchen, jede Stunde ohne Gesellschaft möglichst rasch zu beenden. Dabei geht die Chance verloren, dass eine solche Stunde etwas geben könnte, was Gesellschaft gerade nicht gibt.
Ob Sie gerade einsam sind oder einfach allein, lässt sich weniger an der Situation ablesen als an dem, was die Situation in Ihnen auslöst. Es hilft, ein paar Fragen an das eigene Empfinden zu stellen, ehe man vorschnell zum Hörer greift oder sich für den Abend verabredet.
Die erste Antwort weist meist auf Alleinsein, die zweite auf Einsamkeit. Ein Test ist das nicht, eher ein Innehalten. Beide Zustände können am selben Abend ineinander übergehen, und keiner von beiden ist ein Charakterfehler. Es geht nicht darum, sich eine Etikette anzuheften, sondern darum, ehrlich zu benennen, was da gerade ist.
Einsamkeit ist keine Frage der Zahl. Man kann sie mitten in einer vollen Wohnung spüren, auf einer Feier, an der man teilnimmt, ohne wirklich vorzukommen, in einer langen Beziehung, in der man einander freundlich und fremd geworden ist. Was Einsamkeit erzeugt, ist der Abstand zwischen der Nähe, die man sich wünscht, und der, die man tatsächlich erlebt. Sitzen zwanzig Menschen um einen Tisch und keiner fragt, wie es Ihnen wirklich geht, dann kann dieser Tisch einsamer sein als ein leeres Zimmer. Umgekehrt tragen manche das Gefühl, gemeint zu sein, auch durch Stunden, in denen niemand bei ihnen ist.
Besonders trügerisch sind die vielen kleinen Kontakte, die heute Nähe nachahmen. Ein Feed voller fremder Leben kann einsamer machen als ein Spaziergang für sich, weil er unablässig vorführt, was angeblich alle anderen haben. Wer sich aus diesem ständigen Messen lösen will, findet in Aufhören, sich zu vergleichen einen Anfang. Und wer den Unterschied einmal begriffen hat, versucht Einsamkeit nicht mehr mit bloßem Kontakt zu vertreiben, sondern fragt nach der Art der Verbindung, die tatsächlich fehlt.
Alleinsein auszuhalten und schließlich zu mögen, ist keine Gabe, die man hat oder eben nicht. Es ist eine Fähigkeit, und wie jede Fähigkeit lässt sie sich entwickeln. Der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott hat dazu in seinem Aufsatz über die Fähigkeit, allein zu sein, einen feinen Gedanken formuliert: Diese Fähigkeit entstehe paradoxerweise in Gegenwart eines anderen. Ein Kind, das ruhig für sich spielt, während eine vertraute Person im selben Raum sitzt, lernt, dass Alleinsein sicher ist. Aus diesem frühen Vertrauen wächst später die Ruhe des Erwachsenen, der eine Stunde mit sich verbringen kann, ohne sich verlassen zu fühlen.
Woran es vielen fehlt, ist schlicht die Übung im Stillsitzen. Blaise Pascal hat bereits im 17. Jahrhundert bemerkt, dass ein großer Teil des menschlichen Unglücks daher rühre, dass wir es nicht aushalten, allein und ruhig in einem Zimmer zu bleiben. Wir stehen auf, greifen zum Telefon, schalten etwas ein. Die Unruhe kommt selten aus der Stille selbst, sondern aus dem, was in ihr hörbar wird.
„Ein Mensch kann ganz er selbst sein, nur solange er allein ist; wer also die Einsamkeit nicht liebt, der liebt auch die Freiheit nicht; denn nur wann man allein ist, ist man frei.“
Arthur Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit
Schopenhauer meint mit Einsamkeit hier das, was wir heute Alleinsein nennen, den freiwillig gewählten Rückzug. Diese Freiheit hat nichts Feierliches. Sie zeigt sich in kleinen Dingen, im Spaziergang ohne Ziel, im Nachmittag, an dem Sie nichts leisten und trotzdem nicht faul sind. Was damit gemeint ist, steht in Muße statt Faulheit. Wer dagegen merkt, dass die eigene Aufmerksamkeit ständig nach außen zerrt und in der Stille kein Halt findet, dem hilft vielleicht Die Aufmerksamkeit zurückholen, um erst einmal wieder bei sich anzukommen.
Wer das Alleinsein üben will, tut gut daran, klein anzufangen. Es braucht kein ganzes Wochenende in einer Hütte am Wald. Eine halbe Stunde am Morgen genügt, in der das Telefon in einem anderen Zimmer liegt. Ein Kaffee, den Sie trinken, ohne dabei etwas zu lesen. Ein Weg zur Arbeit ohne Kopfhörer, auf dem Sie einmal nur schauen, was es zu sehen gibt. Der Sinn liegt darin, der Stille eine Chance zu geben, bevor Sie sie füllen.
Hilfreich ist außerdem, dem Alleinsein einen Inhalt zu geben, der Ihnen wirklich gehört. Etwas kochen, das nur Sie mögen. Ein altes Buch noch einmal lesen. Einen Brief schreiben, der nicht sofort beantwortet werden muss. Solche Tätigkeiten verwandeln den leeren Abend in einen bewohnten. Sie verschieben langsam Ihr Verhältnis zur Stille, bis der stille Sonntagabend seinen Druck verliert und sich anfühlt wie ein Stück Zeit, das Ihnen zusteht. Dieser Wandel kommt nicht über Nacht. Er kommt in dem Maße, in dem Sie bemerken, dass in der Stille niemand fehlt, den Sie nicht auch später noch erreichen könnten.
Bei allem Lob des Alleinseins wäre es unredlich, Einsamkeit schönzureden. Sie ist ein realer Schmerz und verdient, ernst genommen zu werden. Der Sozialneurowissenschaftler John Cacioppo hat Einsamkeit als eine Art Warnsignal beschrieben, vergleichbar mit Hunger oder Durst. So wie der Hunger dem Körper meldet, dass er Nahrung braucht, meldet die Einsamkeit, dass wir Nähe brauchen. Das Signal zu übergehen macht es lauter, nicht leiser, denn wer sich zurückzieht, deutet die Welt zunehmend als abweisend und bestätigt damit, was er ohnehin schon fürchtet.
Es gibt also einen Unterschied zwischen dem Alleinsein, das guttut, und der Einsamkeit, die bleibt. Wenn das Gefühl über Wochen anhält, wenn es den Schlaf, den Appetit oder die Lust auf alles nimmt, wenn Sie sich immer weiter zurückziehen und der Rückzug längst nicht mehr wohltut, dann ist es Zeit zu handeln. Handeln heißt hier selten, sofort viele Menschen zu treffen. Oft genügt ein erster Schritt: einen alten Freund anschreiben, einer Sache beitreten, die Sie ohnehin interessiert, das Gespräch mit jemandem suchen, der zuhört. Wie Nähe im Erwachsenenalter überhaupt neu entsteht, wenn die alten Selbstverständlichkeiten von Schule und Studium fehlen, steht in Freundschaft im Erwachsenenalter. Und wenn die Einsamkeit sich zu etwas Schwerem auswächst, das Sie allein nicht mehr bewegen können, ist ärztliche oder therapeutische Hilfe ein vernünftiger und guter Weg, kein Eingeständnis von Schwäche.
Der Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit ist am Ende kein sauberer Strich. Die beiden Zustände wohnen dicht beieinander, und an manchen Tagen kippt das eine ins andere, ohne dass Sie viel dagegen tun könnten. Doch schon zu wissen, welches von beiden gerade da ist, verändert, wie Sie damit umgehen. Das Alleinsein dürfen Sie sich zutrauen und mit der Zeit sogar gernhaben. Die Einsamkeit dürfen Sie ernst nehmen und beantworten. Beides gehört zu einem Leben, das mit sich und mit anderen im Reinen sein möchte.