Aufhören, sich ständig zu vergleichen
Vergleichen lässt sich nicht abstellen, aber Sie können lernen, wen Sie vergleichen und was der Neid Ihnen über Ihre eigenen Wünsche verrät.
Vergleichen lässt sich nicht abstellen, aber Sie können lernen, wen Sie vergleichen und was der Neid Ihnen über Ihre eigenen Wünsche verrät.
Eine alte Schulfreundin schreibt Ihnen zum Geburtstag, drei herzliche Zeilen, und darunter hängt ein Foto von ihrem neuen Haus mit Garten. Sie freuen sich, ehrlich, und im selben Atemzug spüren Sie etwas Zweites, das sich schwerer zugeben lässt. Ein Ziehen. Ein kurzer Blick auf Ihre eigene Wohnung, die eben noch genug war. Sie tippen eine warme Antwort und merken, dass Ihre Laune gekippt ist, ohne dass ein böses Wort gefallen wäre. Was hier geschieht, geschieht den ganzen Tag über, meist unbemerkt. Sie vergleichen sich.
Der Sozialpsychologe Leon Festinger beschrieb 1954 in seiner Theorie der sozialen Vergleichsprozesse einen Mechanismus, den jeder an sich kennt und selten benennt. Menschen bewerten ihre Fähigkeiten und Ansichten, indem sie sich an anderen messen. Überall dort, wo ein objektiver Maßstab fehlt, und er fehlt bei fast allem, was zählt, wird ein anderer Mensch zum Maßstab. Ob Sie ein guter Vater sind, ob Sie genug verdienen, ob Ihr Leben vorankommt, auf keine dieser Fragen gibt es eine absolute Antwort. Also suchen Sie eine relative.
Das ist keine Schwäche, die sich wegtrainieren ließe. Der Vergleich ist eine Art Orientierungssinn. Er hat Ihren Vorfahren gezeigt, wo sie in der Gruppe standen und was ein Mensch überhaupt erreichen kann. Ein Kind lernt gehen, weil es andere gehen sieht. Sie haben Ihren Beruf, Ihren Geschmack, Ihre Sprache an anderen ausgerichtet, ohne dass Sie es merkten. Wer aufhören will, sich ständig zu vergleichen, kämpft damit gegen die eigene Wahrnehmung und verliert. Die Frage ist also nicht, ob Sie vergleichen, sondern womit, mit wem und wie oft.
Der Vergleich ist uralt. Neu ist der Stoff, aus dem er sich speist. Jahrtausende lang maß sich der Mensch an den paar Dutzend Gesichtern seines Dorfes, und er sah sie an guten wie an müden Tagen, beim Streit, in der Krankheit, beim Scheitern. Heute halten Sie Ihr Leben gegen eine Auswahl aus Millionen, und von den meisten sehen Sie ausschließlich die Höhepunkte. Was im Feed erscheint, ist ausgesucht und geschnitten: das gelungene Licht, die Reise ohne den Streit im Auto, der Satz, der erst beim vierten Versuch saß. Sie stellen Ihr komplettes Innenleben gegen die vorzeigbare Oberfläche fremder Leben. Ein solcher Vergleich kann nur zu Ihren Ungunsten ausgehen.
Ein Forscherteam der Humboldt-Universität um Hanna Krasnova zeigte 2013 in einer viel beachteten Untersuchung, dass gerade das stille Betrachten fremder Profile, die passive Nutzung, mit Neid und sinkender Zufriedenheit einhergeht. Besonders die Urlaubsbilder und das sichtbare soziale Leben anderer lösten Neid aus. Die Plattformen sind daran nicht unschuldig. Ihr Geschäft ist Ihre Aufmerksamkeit, und kaum etwas bindet sie so zuverlässig wie ein Bild, das ein leises zu wenig in Ihnen weckt. So entsteht eine sonderbare Einsamkeit mitten unter Hunderten Kontakten (mehr dazu im Text über Alleinsein oder Einsamkeit).
Neid hat einen schlechten Ruf, und oft zu Recht, dann nämlich, wenn er zur Missgunst wird und Sie dem anderen sein Glück nicht mehr gönnen. Doch unter der Missgunst liegt meist eine ehrlichere Regung, und die ist zu gebrauchen. Neid zeigt Ihnen genauer als jede Wunschliste, woran Ihnen wirklich liegt. Sie beneiden nämlich nicht wahllos. Das Vermögen eines Fremden lässt Sie kalt, aber dass ein früherer Kollege jetzt das tut, wovon Sie seit Jahren nur reden, das trifft. Genau an dieser Stelle, wo es sticht, sitzt ein Wunsch, den Sie vielleicht vor sich selbst verschwiegen haben.
Bertrand Russell nannte den Neid in Eroberung des Glücks von 1930 eine der stärksten Ursachen menschlichen Unglücks und machte dabei eine feine Beobachtung. Der Bettler beneide nicht den Millionär, sondern den Bettler, dem es ein wenig besser geht. Wir vergleichen uns nach oben, aber nur bis zur nächsten Sprosse der Leiter. Gerade das macht den Neid als Kompass so brauchbar. Er zeigt stets auf etwas, das in Reichweite scheint, auf ein Leben, das dem eigenen ähnlich genug ist, um es sich vorstellen zu können. Am schärfsten trifft er deshalb im engsten Kreis, bei den Freundinnen und Freunden, deren Weg dicht neben dem eigenen verläuft (über das Schwierige dieser Nähe: Freundschaft im Erwachsenenalter).
„Unser Neid dauert immer länger als das Glück derer, die wir beneiden.“
La Rochefoucauld, Maximen
Der Satz ist boshaft und wahr zugleich. Der beneidete Augenblick ist längst vergangen, während Ihr Neid noch arbeitet. Umso mehr lohnt es, ihn zu befragen, statt gegen ihn anzugehen. Was genau will ich hier eigentlich? Die Antwort muss nicht groß sein. Manchmal ist es nur die Ruhe, die jemand sich nimmt. Manchmal ein Mut, den Sie sich noch nicht erlaubt haben.
Der Philosoph Alain de Botton hat in Statusangst von 2004 daran erinnert, dass wir uns fast nie mit den ganz Fernen messen. Ein Bauer im Mittelalter verglich sich nicht mit dem König, die Kluft war zu groß, um weh zu tun. Er verglich sich mit dem Nachbarn über den Zaun. Je gleicher die Menschen einander werden und je mehr allen scheinbar alles offensteht, desto empfindlicher wird der Vergleich. Wenn theoretisch jeder alles erreichen kann, fühlt sich jeder Rückstand wie ein eigenes Versagen an, obwohl er es selten ist.
Dazu kommt, dass der Blick nach oben trügt. Sie sehen das Ergebnis eines anderen, aber nicht die Jahre davor, nicht die Umstände, das Glück, die Hilfe, die stillen Kosten, die niemand zeigt. Sie halten Ihr ganzes, von innen erlebtes Leben gegen einen Ausschnitt, den ein fremder Mensch bewusst gewählt hat. Zum eigenen Maß zurückzufinden heißt, diese Verzerrung zu durchschauen und die Frage zu wechseln. Aus „Warum habe ich das nicht?“ wird dann „Will ich das überhaupt, oder will ich bloß nicht zurückliegen?“. Ehrlich beantwortet, ist es erstaunlich oft das Zweite.
Es gibt einen Vergleich, der fast immer nährt statt zu zehren, und das ist der mit sich selbst. Damit ist nicht das geglättete Wunschbild aus dem Kopf gemeint, sondern der Mensch, der Sie vor einem Jahr waren. Wer sich an fremden Ziellinien misst, verliert beinahe zwangsläufig, weil immer schon jemand dort steht, wohin man erst noch will. Wer den eigenen Weg zum Maßstab nimmt, sieht dagegen etwas, das im Vergleich mit anderen grundsätzlich unsichtbar bleibt.
Sie tun heute Dinge, die Ihnen vor zwei Jahren schwerfielen. Eine Angst ist kleiner geworden. Sie verstehen inzwischen, was Sie damals nur ahnten. Dieser Fortschritt taucht in keinem fremden Feed auf, und niemand wird ihn für Sie bemerken. Daran hängt eine unbequemere Frage: Woran messen Sie eigentlich Ihren Wert? Solange er an einer Rangliste hängt, an Gehalt, Reichweite oder Tempo, findet sich immer jemand, der weiter ist. Ein Selbstwert, der nicht bei jedem Vergleich ins Rutschen gerät, muss auf etwas anderem ruhen (dazu ausführlich: Selbstwert ohne Leistung).
Der Reflex verschwindet nicht, und wer Ihnen das verspricht, macht Ihnen etwas vor. Entschärfen aber lässt er sich. Ein paar Ansätze, die im Alltag tragen:
Keiner dieser Schritte macht Sie immun. An manchen Abenden erwischt das Telefon Sie wieder, und das leise zu wenig kehrt zurück. Das ist in Ordnung. Der Neid gehört zu Ihnen wie der Hunger, und beide melden einen Mangel, den Sie ernst nehmen dürfen, statt sich seiner zu schämen. Er sagt Ihnen, woran Ihnen liegt. Was Sie daraus machen, ob Sie dem Wunsch folgen oder ihn bewusst ziehen lassen, bleibt Ihre Sache. Nur die Ziellinien der anderen dürfen Sie getrost dort lassen, wo sie hingehören, in fremden Leben.