wofür leben

Eudaimonia: das gute Leben der Griechen

Eudaimonia meint nicht das gute Gefühl, sondern das gelingende Leben, das aus dem entsteht, was Sie regelmäßig tun und wofür Sie sich einsetzen.

10. September 2024 · 7 Min. Lesezeit

Ein Bekannter erzählt, er habe die Liste seiner dreißiger Jahre inzwischen abgearbeitet, Beruf, Haus, Familie, und sitze nun da und begreife nicht, warum ihn das so wenig hält. Er sagt „glücklich“ und stellt es fast als Frage, als traue er dem Wort nicht mehr. Die Griechen hätten für seinen Zustand ein anderes Wort gehabt, eines, das sich seit über zweitausend Jahren jeder glatten Übersetzung widersetzt: eudaimonia.

Warum Glück die falsche Übersetzung ist

In den meisten Wörterbüchern steht schlicht „Glück“, und diese Übersetzung führt fast jeden in die Irre. Eudaimonia besteht aus zwei Teilen, aus eu, gut, und daimon, einem inneren Geist oder Schutzgeist. Wörtlich hieße es also, einen guten Geist bei sich zu tragen, unter einem guten Stern zu stehen. Schon das klingt weniger nach einer Laune und mehr nach einer Verfassung.

Das Wort „Glück“ trägt im Deutschen zwei Bedeutungen, die beide am Ziel vorbeigehen. Es meint den Zufall (Sie haben Glück gehabt) und es meint ein angenehmes Gefühl (Sie sind glücklich). Eudaimonia ist keines von beiden. Sie hängt nicht am Würfel des Schicksals, und sie ist keine Stimmung, die kommt und wieder verfliegt. Im Englischen greift man deshalb oft zu flourishing, zu Gedeihen. Am nächsten kommt man ihr auf Deutsch mit „Gelingen“ oder „gutes Leben“. Aristoteles eröffnet seine Nikomachische Ethik mit der nüchternen Beobachtung, dass sich zwar alle einig sind, das höchste Gut heiße eudaimonia, dass aber kaum jemand sagen kann, worin es eigentlich besteht (einen gründlichen Überblick über seine Ethik gibt die Stanford Encyclopedia of Philosophy).

Eudaimonia als Tätigkeit statt Zustand

Der entscheidende Gedanke des Aristoteles lässt sich in einem einzigen Wort fassen: energeia, Tätigkeit. Eudaimonia ist kein Besitz, den man erwirbt und dann in den Schrank legt. Sie existiert nur im Vollzug. Ein Mensch lebt gut, solange er auf eine bestimmte Weise tätig ist, in einer „Tätigkeit der Seele gemäß der Tugend“, wie es bei ihm heißt.

Ein einfaches Bild macht das greifbar. Ein Geiger ist kein Geiger, weil im Flur eine Geige lehnt, sondern während er spielt. Eine Freundschaft ist nicht gut, weil man einen Freund hat, sondern weil man tut, woraus Freundschaft besteht, also zuhört, teilt, füreinander einsteht. Aristoteles nennt die charakteristische Tätigkeit einer Sache ihr ergon, ihre Aufgabe. Das ergon des Menschen sieht er im Gebrauch der Vernunft, und ein gutes Leben besteht darin, diesen Gebrauch gut auszuüben.

Daraus folgt etwas Unbequemes. Niemand kann glücklich sein, ohne etwas zu tun. Eudaimonia ist kein Ort, an dem man ankommt, sondern eine Weise, in der man unterwegs bleibt. Und weil sie sich über die Zeit erstreckt, lässt sie sich an keinem einzelnen Tag ablesen.

Denn eine Schwalbe macht noch keinen Frühling, auch nicht ein einziger Tag.

So steht es im ersten Buch der Nikomachischen Ethik. Ein guter Nachmittag macht noch kein gutes Leben, und ein misslungener Tag zerstört es nicht.

Tugend, Maß und die Mitte bei Aristoteles

Was hier „Tugend“ heißt, arete, hat mit moralischer Strenge wenig zu tun. Gemeint ist eher Bestform, die Eigenschaft, die eine Sache gut in dem macht, was sie ist. Ein gutes Messer schneidet, ein guter Mensch handelt gut. Und woran erkennt man gutes Handeln? Aristoteles gibt eine verblüffend praktische Antwort: am rechten Maß, der Mitte zwischen zwei Übertreibungen, mesotes.

Mut liegt zwischen Feigheit und Tollkühnheit. Großzügigkeit liegt zwischen Geiz und Verschwendung. Selbstachtung liegt zwischen Unterwürfigkeit und Hochmut. Diese Mitte ist allerdings keine Rechenaufgabe. Sie steckt nicht arithmetisch in der Hälfte, sondern richtet sich nach der Person und der Lage. Für den einen ist ein Glas Wein am Abend das Maß, für den anderen schon zu viel. Die Fähigkeit, dieses Maß im konkreten Fall zu treffen, nennt Aristoteles phronesis, Klugheit. Sie ist keine Regel, die man auswendig lernt, sondern ein Urteil, das man übt.

Geübt wird es durch Wiederholung. Gerecht, schreibt er, werde man, indem man Gerechtes tue, besonnen, indem man Besonnenes tue. Tugend ist bei ihm eine eingeschliffene Haltung, eine hexis, ein gewachsener Charakter. Damit schließt sich der Kreis zur Tätigkeit. Wer gut leben will, handelt sich in die Haltung hinein, statt auf sie zu warten.

Der Unterschied zwischen Genuss und Gelingen

An dieser Stelle meldet sich ein Missverständnis, das so alt ist wie die Idee selbst. Wenn das gute Leben eine Tätigkeit gemäß der Tugend ist, wo bleibt dann das Vergnügen? Aristoteles verachtet den Genuss keineswegs. Lust, sagt er, begleite das gelungene Tun wie ein Glanz, der auf einer gut vollbrachten Sache liegt. Ein Leben aber, das allein auf Vergnügen zielt, nennt er den bíos apolaustikos, das Leben des bloßen Genießens, und hält es für ein Leben, das eher dem Vieh angemessen wäre.

Der Unterschied zeigt sich an einem gewöhnlichen Abend. Da ist der Abend auf dem Sofa, ein Glas Wein, eine Serie, angenehm und völlig in Ordnung. Und da ist der Abend, an dem Sie etwas zu Ende gebracht haben, das Ihnen wichtig war, eine Reparatur, ein Brief, ein längst fälliges Gespräch. Beide können sich gut anfühlen. Doch das eine ist am nächsten Morgen verdampft, während das andere einen Rückstand hinterlässt, etwas, das bleibt. Manchmal gehört auch eine Stunde reiner Muße dazu, in der nichts erledigt wird und trotzdem etwas geschieht.

Dieselbe Unterscheidung kehrt in der modernen Psychologie wieder. Wenn Forscher wie Carol Ryff oder, in der Selbstbestimmungstheorie, Edward Deci und Richard Ryan zwischen einem hedonischen und einem eudaimonischen Wohlbefinden trennen, greifen sie einen antiken Faden auf (einen Überblick bietet die Stanford Encyclopedia of Philosophy). Genuss ist ein guter Gast und ein schlechter Hausherr.

Drei Prüffragen für Ihren eigenen Alltag

Theorie, die im Kopf bleibt, ändert nichts. Drei Fragen können helfen, den antiken Gedanken in die eigene Woche zu holen. Sie sind keine Liste zum Abhaken, eher drei Fenster auf dasselbe Leben.

  • Woran habe ich diese Woche regelmäßig gearbeitet, auch ohne sofortige Belohnung? Das ist die Frage nach der Tätigkeit. Eudaimonia entsteht dort, wo Sie etwas tun, das seinen Wert schon im Tun trägt, lange vor dem Applaus danach.
  • Wo habe ich zuletzt das Maß verfehlt, und wie hätte die Mitte ausgesehen? Zu viel Arbeit oder zu wenig, zu viel Nachgeben oder zu viel Härte. Die Frage schult die phronesis, den Blick für das rechte Maß im konkreten Fall.
  • Was von diesem Tag würde ich auch in einem Jahr noch für gut halten? Das ist der Test, der Genuss vom Gelingen scheidet. Er zieht den Maßstab von der Stimmung des Augenblicks ab und legt ihn an das ganze Leben an.

Wer diese Fragen ein paar Wochen mit sich trägt, merkt bald, dass sie nicht nach mehr Leistung verlangen. Sie verschieben nur die Aufmerksamkeit, weg vom Gefühl des Moments, hin zu dem, was Sie tun und wofür Sie einstehen. In dieser Verschiebung liegt der ganze Unterschied. Wer schärfer wissen will, worauf er sich überhaupt ausrichtet, findet in der Frage wofür lebe ich den größeren Rahmen dazu.

Was ein gelingender Tag konkret enthält

Es wäre gegen den Geist der Sache, hier eine Formel für den perfekten Tag zu liefern. Einen solchen Tag gibt es nicht, und Aristoteles hätte als Erster abgewinkt. Trotzdem lässt sich sagen, woran ein gelingender Tag oft zu erkennen ist, ohne dass alle Zutaten je gleichzeitig beisammen sein müssten.

Meist steckt darin eine Tätigkeit, die Sie können und die Sie zugleich fordert, ein Tun, in dem die Zeit vergeht, ohne dass Sie sie zählen. Meist ist ein Mensch dabei, mit dem Sie etwas geteilt haben, ein Gespräch, eine Mahlzeit, eine gemeinsame Mühe. Wie sehr das trägt, zeigt sich gerade in der Freundschaft im Erwachsenenalter, die man pflegen muss, weil sie nicht mehr von allein wächst. Meist wurde ein Maß gehalten, weder ausgebrannt noch vertrödelt.

Der ehrlichste Teil kommt zuletzt. Ein gelingendes Leben verträgt schlechte Tage, Streit, Trauer, Leerlauf. Die Schwalbe wieder: kein einzelner Tag entscheidet über das Ganze. Vielleicht hilft gerade das Wissen um die eigene Endlichkeit, den Blick auf die Form zu richten, statt an jedem Abend zu prüfen, ob er hielt, was er versprach. Wer dem eigenen Tod ins Auge sieht, erkennt sein Leben oft klarer als etwas, das sich langsam zusammenfügt.

Eudaimonia ist am Ende kein Zustand, den man erreicht und dann behält. Sie ist die Gestalt eines Lebens, das weitergelebt wird. Man kann sie nicht festhalten. Man kann sie nur tun, Tag für Tag, in dem, was man regelmäßig tut und wofür man einsteht. Das ist weniger, als das Wort „Glück“ verspricht, und deutlich mehr, als es je halten könnte.

Eudaimonia · Aristoteles · Gutes Leben · Tugend · Lebenskunst


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