Wofür lebe ich? Sinn ohne große Berufung
Sinn braucht keine große Berufung, sondern entsteht dort, wo Sie regelmäßig etwas tun, das Ihnen wichtig ist und über Sie hinausweist.
Sinn braucht keine große Berufung, sondern entsteht dort, wo Sie regelmäßig etwas tun, das Ihnen wichtig ist und über Sie hinausweist.
KI-generiert
An einem Sonntagabend, wenn die neue Woche schon wieder halb verplant vor Ihnen liegt und irgendwo ein Bildschirm leise flackert, meldet sich manchmal ein Satz, der sich nicht wegdrücken lässt: Wofür mache ich das alles eigentlich? Es ist kein lautes Aufbegehren. Eher ein Ziehen, das bleibt, auch wenn Sie den Fernseher ausschalten. Sie haben einen Beruf, vielleicht eine Familie, Menschen, die Sie mögen, ein Dach über dem Kopf. Und trotzdem steht die Frage im Raum. Wofür lebe ich, wenn ich keine Bestimmung habe, keine Berufung, die mich morgens aus dem Bett zieht?
Die meisten Fragen lassen sich beantworten und wieder weglegen. Diese nicht. Sie zielt nicht auf einen Ausschnitt Ihres Lebens, sondern auf das Ganze, und deshalb fühlt sie sich bodenlos an. Auffällig ist, wann sie erscheint. Selten in der Not, öfter in der Sattheit, ausgerechnet dann, wenn äußerlich nichts fehlt (davon handelt der Text über innere Leere trotz vollem Leben). Der Kühlschrank ist voll, der Kalender auch, und gerade in dieser Fülle wird die Stille laut.
Dazu kommt ein stiller Vorwurf, den die Frage mitträgt. Alle anderen scheinen es zu wissen. Die Kollegin brennt für ihre Sache, der Nachbar läuft Marathon für einen guten Zweck, und Sie sitzen da und finden nichts, das Sie mit derselben Glut erfüllen würde. Der Wiener Psychiater Viktor Frankl, der die Konzentrationslager überlebte und darüber in „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ schrieb, nannte diesen Zustand ein „existenzielles Vakuum“. Er beobachtete ihn nicht bei den Ärmsten, sondern bei satten, versorgten Menschen. Die Leere ist also kein Zeichen dafür, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt. Sie ist ein sehr menschlicher Zustand, und sie ist eher ein Anfang als ein Schlusspunkt.
Ein großer Teil des Drucks kommt von einer Erzählung, die wir alle kennen, ohne sie je bewusst geglaubt zu haben. Sie geht so: In jedem Menschen steckt eine einzige, wahre Bestimmung. Wer sie findet, dessen Leben fügt sich. Wer sie verfehlt, hat im Grunde am Kern vorbeigelebt. „Folge deiner Leidenschaft“ steht dann auf Kaffeetassen, und die Biografien der Erfolgreichen scheinen es zu bestätigen.
Ein Blick in die Wortgeschichte entspannt. Berufung meinte ursprünglich einen Ruf von außen, im geistlichen Sinn den Ruf Gottes an einen Menschen. Erst die Moderne hat den Rufer gestrichen und den Ruf behalten. Übrig blieb die Erwartung, Sie selbst müssten in sich jene Stimme aufspüren, die früher von oben kam. Das ist eine erstaunliche Zumutung. Sie sollen Sender und Empfänger zugleich sein.
Dazu kommt ein Wahrnehmungsfehler. Wir hören die Geschichten der wenigen, die früh wussten, was sie wollten, und deren Weg im Rückblick gerade aussieht. Wir hören nicht von den vielen, deren sinnvolles Leben aus Zufällen, Umwegen und stillen Entscheidungen zusammengesetzt ist. Die Wahrheit der meisten Biografien ist unspektakulär. Sinn im Leben wurde nicht gefunden wie ein vergrabener Schatz, er wurde nach und nach gebaut, oft ohne Plan.
Vielleicht liegt der Denkfehler schon in der Grammatik. Wir behandeln „Sinn“ wie einen Gegenstand, den man besitzt oder eben nicht. Tatsächlich verhält er sich eher wie eine Tätigkeit. Er ist selten dann da, wenn Sie ihn direkt suchen, und oft dann, wenn Sie in etwas versunken sind und die Zeit vergessen.
Der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi hat dieses Versinken untersucht und „Flow“ genannt: jenen Zustand, in dem eine Aufgabe Sie so fordert und trägt, dass Sie sich selbst und die Uhr vergessen. Beim Kochen kann das geschehen, beim Reparieren eines Fahrrads, mitten in einem Gespräch, das plötzlich Tiefe bekommt.
Das allein reicht aber nicht. Auch ein Computerspiel erzeugt Flow, und trotzdem fühlt sich ein Abend davor selten sinnvoll an. Die Philosophin Susan Wolf hat dafür eine schöne Formel gefunden. Sinn entstehe, wo subjektive Hingabe auf etwas objektiv Wertvolles treffe, wo also das, worin Sie sich verlieren, zugleich jemandem oder etwas außerhalb Ihrer selbst zugutekommt. Zwei Koordinaten müssen zusammenkommen: dass es Sie ergreift, und dass es über Sie hinausweist. Der Garten, den Sie pflegen, das Kind, dem Sie das Radfahren beibringen, der Text, an dem Sie feilen. Nichts davon ist eine Mission. Alles davon kann Sinn tragen.
Frankl hat, gegen die Idee der einen Berufung, drei ganz unterschiedliche Wege zum Sinn beschrieben. Sie sind alltäglich, und meistens ist mindestens einer von ihnen gerade für Sie offen.
Der erste ist das Tun. Sinn entsteht dadurch, dass Sie etwas schaffen oder in die Welt bringen, ein Werk oder eine Handlung. Das muss kein Lebenswerk sein. Ein gepflanzter Baum, ein gedeckter Tisch, eine ordentlich erledigte Arbeit zählen dazu.
Der zweite ist die Verbundenheit. Sinn entsteht im Erleben und in der Begegnung, darin, dass Sie etwas oder jemanden wirklich an sich heranlassen. Ein Mensch, den Sie lieben, ein Musikstück, das Sie trifft, ein Morgen am Fluss. Hier tun Sie nichts, Sie sind ganz da.
Der dritte, und der überraschendste, ist die Haltung. Wo Sie an einer Lage nichts mehr ändern können, an Krankheit, Verlust, an einem Unrecht, bleibt Ihnen noch, wie Sie ihr begegnen. Frankl hat gerade diese letzte Quelle für die tiefste gehalten, weil sie selbst dort noch fließt, wo die beiden anderen versiegt sind.
Wer nach der einen Bestimmung sucht, verlangt vom Denken etwas, das nur das Handeln liefern kann. Sie können nicht am Schreibtisch herausgrübeln, was Ihnen Sinn gibt. Sie können es nur ausprobieren. Bill Burnett und Dave Evans, die in Stanford über Lebensgestaltung lehren, empfehlen darum, das eigene Leben wie Entwerferinnen und Entwerfer zu behandeln: kleine Prototypen bauen, statt auf die perfekte Erkenntnis zu warten.
Das kann sehr konkret aussehen:
Keiner dieser Versuche ist eine Weichenstellung fürs ganze Leben. Genau das ist ihr Vorteil. Sie sammeln damit Erfahrungen statt Theorien, und aus vielen kleinen „Das hat sich stimmig angefühlt“ wächst mit der Zeit eine Richtung. Wenn Sie den Verdacht haben, dass die Frage eher an Ihren Werten hängt als an Ihren Tätigkeiten, hilft die Übung zum Werte finden weiter.
Manchmal greift keiner dieser Vorschläge, und die Flachheit bleibt. Dann lohnt eine ehrliche Unterscheidung. Nicht jede Sinnleere ist eine philosophische Frage. Wenn nichts mehr Freude macht, wenn selbst früher geliebte Dinge grau bleiben, wenn der Antrieb dauerhaft fehlt, dann ist das oft weniger ein Mangel an Bestimmung als ein Mangel an Kraft, und mitunter ein Zeichen von Erschöpfung oder Depression. In diesem Fall ist die klügste Antwort nicht, härter über den Sinn nachzudenken, sondern für Ruhe zu sorgen und, wenn es anhält, Hilfe zu suchen. Sinn wächst nicht auf leerem Tank. Wenn das über Wochen bleibt oder der Gedanke auftaucht, nicht mehr leben zu wollen, ist ein Gespräch mit der Hausärztin oder einer psychotherapeutischen Praxis der klügere Schritt. Verlässliche Informationen bietet die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, und die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111 erreichbar.
Und selbst wenn das nicht der Fall ist, dürfen Sie die Frage aushalten, ohne sie sofort zu erledigen. Rainer Maria Rilke hat einem jungen Mann, der ihn um Rat bat, etwas geschrieben, das genau hierher gehört:
Ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. […] Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.
Vielleicht ist das die eigentliche Entlastung. Sie müssen das Wofür nicht ein für alle Mal beantworten. Sie müssen es bewohnen, mit dem, was Sie tun, mit denen, die Sie gernhaben, mit der Haltung, die Sie zu dem einnehmen, was sich nicht ändern lässt. Was die alten Griechen Eudaimonia nannten, ein gelingendes Leben, war nie ein Zustand, den man erreicht und hat, sondern eine Tätigkeit, die immer weitergeht (mehr dazu im Text über Eudaimonia und das gute Leben). Der Sinn liegt nicht am Ende des Weges. Er entsteht im Gehen, an einem gewöhnlichen Dienstag, wenn Sie kurz vergessen, danach zu fragen.