Werte finden: Was mir wirklich wichtig ist
Ihre Werte finden Sie nicht in einer Wörterliste, sondern in Ihren Konflikten, Ihrem Neid und den Momenten, in denen Sie stolz auf sich waren.
Ihre Werte finden Sie nicht in einer Wörterliste, sondern in Ihren Konflikten, Ihrem Neid und den Momenten, in denen Sie stolz auf sich waren.
Fast jede Coaching-Seite hält dieselbe Übung bereit. Eine Liste mit zweihundert Wörtern, Freiheit, Verantwortung, Ehrlichkeit, Familie, Erfolg, Mut, dazu die Bitte, zehn davon anzukreuzen und die zehn danach auf fünf einzudampfen. Wer sich darauf einlässt, sitzt am Ende vor einer kleinen Sammlung schöner Begriffe und einem leisen Verdacht, dass sich nichts geklärt hat. Das liegt nicht an Ihnen. Werte lassen sich nicht bestellen wie Gerichte von einer Karte. Sie werden dort sichtbar, wo das Ankreuzen aufhört und Ihre eigene Geschichte anfängt.
Solche Ranglisten sind keine Erfindung des Internets. Der Sozialpsychologe Milton Rokeach ließ Menschen schon in den siebziger Jahren sechsunddreißig Wertbegriffe in eine Reihenfolge bringen, und Shalom Schwartz verdichtete diese Vielfalt später zu zehn Grundwerten, die sich quer durch fast alle Kulturen wiederfinden. Das ist ernsthafte Forschung. Etwas Merkwürdiges geschieht trotzdem, sobald Sie selbst vor so einer Liste sitzen: Jedes Wort klingt gut. Niemand kreuzt gegen Ehrlichkeit an, niemand gegen Familie. So entsteht ein Selbstbild aus lauter Tugenden, das mit dem gelebten Leben oft wenig zu tun hat.
Ein Wert, den Sie nie verletzen, kostet Sie nichts. Erst wo etwas auf dem Spiel steht, wo zwei gute Dinge sich nicht gleichzeitig haben lassen und Sie eines liegen lassen müssen, zeigt sich, was Ihnen wirklich teuer ist. Deshalb führt der Weg nach innen nicht über eine Liste, sondern über die Stellen, an denen es einmal wehgetan hat.
Bevor die Übung beginnt, lohnt eine Unterscheidung, an der viele hängen bleiben. Ein Ziel lässt sich erreichen und abhaken. Ein Haus bauen ist ein Ziel, eine Beförderung bis vierzig ebenso. Ein Wert dagegen ist eine Richtung. Die Akzeptanz- und Commitment-Therapie um den Psychologen Steven Hayes beschreibt Werte als Himmelsrichtung: Nach Westen kommen Sie nie endgültig an, aber Sie können jeden Tag westwärts gehen. Verlässlichkeit ist so eine Richtung. Sie ist nie fertig.
Bedürfnisse wiederum sind Mängel, die nach Ausgleich drängen. Wer übermüdet ist, braucht Schlaf, und mit Werten hat das nichts zu tun. Die Verwechslung ist folgenreich. Wer sein Bedürfnis nach Anerkennung für einen Wert hält, richtet sein Leben an etwas aus, das sich nie sättigen lässt. Ein einfacher Test hilft. Lässt sich die Sache erfüllen und ist dann vorüber? Dann steht ein Ziel oder ein Bedürfnis vor Ihnen. Bleibt sie eine Richtung, auch nachdem Sie sie tausendmal gelebt haben? Dann sind Sie bei einem Wert angekommen.
Nehmen Sie sich Papier und etwa zwanzig Minuten. Rufen Sie drei oder vier Situationen der letzten Jahre zurück, in denen Sie ehrlich wütend geworden sind. Nicht der Ärger über den verpassten Zug, sondern der Zorn, der Sie nachts noch wachhielt. Der Kollege, der Ihre Idee als seine eigene ausgab. Der Freund, der ein Vertrauen brach. Der Moment, in dem jemand über einen Schwächeren spottete und die Runde mitlachte.
Wut ist ein verlässlicher Zeuge. Sie meldet sich, wenn etwas verletzt wird, das Ihnen heilig ist. Notieren Sie zu jeder Szene den Satz: Hier wurde etwas mit Füßen getreten, das mir wichtig ist. Und dann benennen Sie es so genau wie möglich. Beim gestohlenen Gedanken geht es vielleicht um Fairness. Beim gebrochenen Vertrauen um Loyalität. Beim Spott um Würde oder den Schutz der Schwächeren. Auch Ihr Neid gehört in diese Spalte, so unangenehm er ist. Worauf Sie neidisch sind, verrät, was Sie sich selbst wünschen und bislang nicht leben. Als Ratgeber taugt Neid nichts, als Kompass ist er erstaunlich genau.
Drehen Sie das Blatt um und gehen Sie den umgekehrten Weg. Drei oder vier Augenblicke, in denen Sie still stolz auf sich waren. Nicht der laute Stolz über eine Urkunde, sondern der leise, in dem Sie mit sich im Reinen waren. Der Abend, an dem Sie eine unbequeme Wahrheit aussprachen, obwohl Schweigen bequemer gewesen wäre. Die Wochen, in denen Sie jemanden pflegten, ohne dass es jemand sah. Das Projekt, in das Sie sich verbissen, bis es gut war.
Der Publizist David Brooks trennt in „The Road to Character“ die Tugenden für den Lebenslauf von den Tugenden für die Trauerrede. Die einen bringen Sie voran, über die anderen wird an Ihrem Grab gesprochen. Ihre stolzen Momente führen fast immer zu den zweiten. Fragen Sie bei jeder Erinnerung: Welche Eigenschaft habe ich hier gelebt? Mut. Geduld. Aufrichtigkeit. Fürsorge. Setzen Sie das Wort daneben, so schlicht wie möglich.
Vor Ihnen liegt jetzt eine ungeordnete Sammlung, vielleicht fünfzehn oder zwanzig Wörter. Vieles ähnelt sich. Fairness und Gerechtigkeit meinen bei Ihnen womöglich dasselbe, Verlässlichkeit und Loyalität liegen dicht beieinander. Fassen Sie zusammen, bis etwa sieben Gruppen bleiben, und geben Sie jeder das eine Wort, das sich am ehesten nach Ihnen anfühlt.
Nun der harte Teil. Reduzieren Sie auf drei. Das tut weh, und das soll es. Ein Wert, den Sie behalten, muss den Beweis bestehen, dass Sie für ihn etwas hergeben würden. Prüfen Sie jeden Kandidaten an drei Fragen:
Was alle drei Fragen übersteht, gehört zu Ihrem Kern. Was nur schön klingt, dürfen Sie streichen.
Drei Wörter auf einem Zettel verändern noch nichts. Ein Wert wird erst wirklich, wenn er eine Entscheidung kostet. Aristoteles hielt in der Nikomachischen Ethik fest, dass wir nicht gerecht werden, indem wir das Gerechte kennen, sondern indem wir gerecht handeln, wieder und wieder, bis daraus eine Haltung wird. Ein Wert ist eher ein Übungsweg als eine Einsicht.
Machen Sie darum aus jedem Ihrer drei Werte eine Frage, die Sie an konkrete Entscheidungen anlegen. Aus Aufrichtigkeit wird: Sage ich hier, was ich wirklich denke? Aus Fürsorge wird: Wen übersehe ich gerade? Sollten Sie dabei bemerken, dass Ihr Beruf keinen einzigen dieser drei Werte berührt, ist das kein kleines Ergebnis. Vielleicht erklärt es die Müdigkeit, mit der Sie abends heimkommen. Der Text Sinn im Job finden geht dieser Spur nach. Und wer das ungute Gefühl kennt, im Alltag fortwährend gegen das eigene Empfinden zu handeln, findet einen ehrlicheren Blick darauf, was es heißt, gegen die eigenen Werte zu leben.
Ein letzter Einwand, den Sie vielleicht schon spüren. Was, wenn diese drei Werte in zehn Jahren nicht mehr stimmen? Dann stimmen sie eben nicht mehr. Werte sind keine Tätowierung. Mit einem kleinen Kind verschiebt sich, was mit dreißig unverrückbar schien, und nach einer schweren Krankheit ordnet sich manches neu. Viktor Frankl, der die Konzentrationslager überlebte und die Logotherapie begründete, war überzeugt, dass der Sinn nicht ein für alle Mal feststeht, sondern in jeder Lebenslage neu beantwortet werden will. Was gestern getragen hat, muss heute nicht mehr tragen.
Diese Übung ist deshalb keine einmalige Vermessung, sondern etwas, das Sie in ein paar Jahren wiederholen dürfen. Womöglich stehen danach dieselben drei Wörter da. Womöglich kommt ein neues hinzu und ein altes wird leiser. Beides ist in Ordnung. Rainer Maria Rilke hat einem jungen Briefpartner in den Briefen an einen jungen Dichter einen Rat gegeben, der genau hierher passt:
Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.
Wer seine Werte kennt, besitzt noch keine fertige Auskunft darüber, wofür er lebt. Aber er hat eine Richtung, in die er gehen kann, und an manchen Tagen wiegt das mehr als jede Gewissheit.